Montag, 13. Februar 2017

BC 2017



Das Leben nimmt Umwege – Der Brocken auch!

Laufen ist nicht immer dieser Hochglanzbilder-Sport wie es von manchen in den sozialen Netzwerken immer wieder in Szene gesetzt wird. Nur damit man mich nicht falsch versteht, Laufen ist toll, bringt Freude und Spaß, aber eben nicht nur. Man wird auch mit den Untiefen seiner Seele konfrontiert, welche man am liebsten verdrängen würde. Ich mag Fotos von glücklichen Läufern, jedoch eher die ohne Glamour, die ungeschminkten eben. Denn meine eigene, ganz persönliche Meinung und Erfahrung ist, dass mir als Läufer mit diesen ständigen Strahlemann-Bildern und Berichten (bzgl. wie ich von Nicht-Läufern gesehen werde) übertrieben gesagt ein stückweit Menschlichkeit genommen wird. Manche fühlen sich vielleicht wohl damit, vor anderen unbesiegbar zu erscheinen und immer lachend durch die Welt zu laufen, mich macht es müde. Denn Menschen, die keinen oder wenig Einblick in diesen/unseren Sport haben und mich persönlich wenig kennen, sehen mehr Maschine als Mensch in mir. In meinem Leben höre ich häufig von Menschen die nicht mit in diesem UltraLaufZirkus verwickelt sind, dass sie nur ungern mit mir laufen gehen möchten. Ich mache diese Hochglanzbilder nicht dafür verantwortlich, denn auch sie haben ihre Berechtigung. Vielleicht ist es auch nur mein ganz eigenes Schicksal, vielleicht aber auch nicht. Es geht auch nicht darum im Umkehrschluss alles als krass, hart oder nur die Abgründe zu beschreiben, es geht um irgendwas, was in der Mitte liegt - es geht um die Zwischentöne. Ich rede nicht von Zielfotos oder dem damit verbundenen Stolz auf sich selbst, denn das darf alles sein! Aber eine Medaille hat eben auch immer eine Rückseite. Manchmal wünsche ich mir in Berichten/Bildern einfach ein bisschen mehr Mut zur Menschlichkeit! Ich schreibe diese Worte hier zu Beginn, weil es unter diesen Menschen, welche darin „auch“ einen Grund sehen sich beim Laufen mit mir unwohl zu fühlen jemanden gibt, der mir wichtig ist. Mit dem sich das Laufen so anfühlt, als sei man in einer anderen Welt, einzigartig eben! Wir Läufer sind Menschen, jedoch hat jeder für sich einen Weg gefunden um mit Krisen umzugehen. Laufen ist Freude und Leid, Laufen sind Freudentränen und Tränen der Verzweiflung. Laufen ist wie das Leben, ein hoch und runter und niemals stetig!

Mein Raceday:
Bei mir alles wie immer! Im Glaube daran, einen Zeitpuffer in meinen Tagesablauf eingebaut zu haben, holte mich spätestens im Auto sitzend die Realität ein. Navi an – angezeigte Ankunftszeit 5:59 Uhr. Also fing das Gas geben für mich schon lange vor dem Start der Bocken Challenge an. Immerhin ca. 15 min habe ich bis nach Göttingen dann wieder eingefahren. Auf dem Weg zum Start blieb somit noch Zeit für den Versuch, ein festgefahrenes Auto aus dem Feldweg zu schieben. 5:55 Uhr einschreiben in die Starterliste - Kaffee holen & Schuhabgabe bei meinem Supporter Micha. Um 6:02 Uhr MEZ dann Brocken Challenge 2017 - Here we go! Auf den ersten 2 km Glatteis hätte ich Alex fast dreimal! in guter alter Fußballer Manier um gegrätscht. Um die rote Karte jedoch zu vermeiden zog ich jedes mal vorsichtshalber zurück und Alex beließ es bei einer Verwarnung mit den Worten:“ Ich glaube wir halten besser ein wenig Abstand voneinander!“ Meine Yaktrax hatte ich Björn geliehen und die Spikes waren auf dem Weg nach Barbis, also Augen zu und durch! 


Bis dorthin lief dann auch alles fluffig, zusammen mit Alex, Dominik, Michael und später auch Roman. Micha Wagner ganz in seinem Lokomotiven Modus, kam von hinten und verschwand anschließend mehr und mehr aus unserem Sichtfeld. Alex ließ mich kurz allein und dann….stand ich irgendwo im Stadtkern von Barbis. Einen kleinen Skandal finde ich, dass selbst der ansässige Briefträger nicht wusste in welche Richtung es zur Sportanlage ging. Ich rede nicht von der genauen Angabe der Koordinaten, ich meine damit rechts oder links – an der Haupstraße! Da ich die Challenge nun aber vorher bereits dreimal gelaufen bin überlegte ich kurz und bog rechts ab. Dort sammelte mich dann auch Falk mit dem Auto ein und wies mir den Weg zum VP. Kurzer Umweg, dennoch auf Platz 10 zur Halbzeit der Challenge in Barbis…voll im Plan.


Um nicht unnötig Zeit zu verlieren, Schuhwechsel auf Spikes, Riegel auffüllen, zwei Tee und weiter ging die Reise in den Entsafter…naja zumindest die Richtung stimmte. Nach ausführlichen Recherchen in meinem Archiv ist nun bekannt, dass ich bei KM 49 (HöheTür) die vorgeschriebene Route verließ, um mich durch die dunklen Niederungen des Harzer Brockenvorlandes zu kämpfen. Es war jedoch nicht nur mein Schicksal, ich teilte es mit Jonas. Wir hatten uns unabhängig voneinander, innerhalb von zwei Minuten nacheinander auf den Weg gemacht, eine neue Alternativroute zum Entsafter II zu suchen. Bemerkt haben wir es aber erst, als auf dem Weg vor uns keine Fußspuren mehr zu sehen waren. Mein erster Satz war: “Wir sind falsch, denn selbst Flo kann nicht fliegen.“

Also folgte erst einmal Ernüchterung und auch Ärger, wollten wir beide unsere Platzierung doch eigentlich bis ins Ziel verteidigen oder sehen was noch nach Vorne geht. In diesem Moment überwältigten mich mehr und mehr meine Gefühle – feuchte Augen und pure Emotionen. Ich habe Dinge an denen ich mich in schlechten Phasen hochziehe, Dinge die mich antreiben. Für mich ist es mein Weg weiter zu machen. Dieses Jahr war es anders, denn es war nicht ein Ding – es war ein Mensch! Aber ich weiß, dass dieser Mensch an mich glaubt und ihm auch vollkommen egal war und ist wie schnell oder auf welchem Platz ich im Ziel ankomme. Für diesen Menschen zählt meine Gesundheit mehr wie ein Finish. Diese Menschen gilt es im Leben zu erkennen! Denn auch wenn sie noch so weit entfernt sind, sind sie immer da – geben einem Kraft mit ihrem Wesen – mit ihrem Sein! Aber bei all diesen Gedankengängen sieht man auch der Realität ins Auge. Man steht irgendwo im Harz, weit entfernt vom Weg und Ziel. Wie es aber nun mal so ist erkennt man ganz schnell, dass man ab sofort mit seinem Mitstreiter im gleichen Boot sitzt. Aus meiner Erfahrung wusste ich, zusammen ist es gerade mental gesehen leichter, aus solch einer Situation heraus zu kommen. Also zweimal in den Wald geschrien und die Sachlage nüchtern betrachtet. Unsere Suche nach VP Jagdkopf begann! 

Was wir wussten, dass wir irgendwo parallel zur Strecke laufen und durch einen „Hügel“ von ihr getrennt sind. Dort herumzurennen machte keinen Sinn, also sind wir in einen Rückeweg gen Himmel abgebogen! Die Navigation von meinem Handy blieb immer wieder hängen und so wurde mir mit dem nächsten empfangenen Signal klar, wir laufen im Kreis. Diese Tatsache bestätigte sich, als wir vor unseren eigenen Fußspuren standen…wie im schlechten Film. Also wieder zum Rückeweg, und wieder hinauf, diesmal jedoch auf halben Weg links ab ins Unterholz und sich querfeldein durchkämpfen. Zwischenzeitlich fragte mich Jonas nach der aktuellen Uhrzeit - auf meiner Uhr stand jedoch nur wie lange wir bereits unterwegs waren. An meiner Ambit rumzudrücken während dem Lauf, nicht mein Ding - zu viel Technik! Denn wenn ich das könnte, hätte ich ja den Track drauf. Also Kopfrechnen mit reichlich Adrenalin....6:00 Uhr Start + 7:05 Uhr Laufzeit - ich antwortete "Es ist 12:05 Uhr"! Ein Blick von Jonas genügte mir um zu verstehen, dass Mathe noch nie mein Ding war!
Wir kamen nach einer kleinen Klettereinheit aber schließlich auf einen Weg und somit dem VP Jagdkopf immer näher, jedoch aus entgegen gesetzter Richtung. Die verwunderten Blicke dort werde ich so schnell nicht vergessen. Diese neu erkundete Alternativroute hat uns beide nicht nur Zeit (ca.1 Std.) und Kilometer (5,4km) gekostet, vor allem war es wertvolle Kraft, welche uns durch den zum Teil tiefen Schnee und die Höhenmeter verloren gingen, lagen doch noch 26km und der Hochharz vor uns. Trotzdem waren wir beide erstmal richtig happy wieder auf der Strecke und damit im Rennen zu sein! 

Was mir jedoch erst bei der Auswertung unserer Route aufgefallen ist - wir vermuteten die Strecke während des Laufens in der komplett falschen Richtung. Wir waren der Meinung sie verläuft Richtung Oderstausee, sind aber während unserem Lauf im Kreis in die andere und somit richtige Richtung gelaufen. Wie man sieht, wirft das Ganze immer noch viele Fragen auf, welche wohl niemals richtig geklärt werden können. 😀

Schwarz eingezeichnet die vom Veranstalter vorgegebene Strecke. 
Links daneben unsere Alternativroute!

Klar liefen wir beide nun was unsere müden Beine noch so übrig gelassen hatten und rollten das Feld von hinten auf, schließlich war es ein Rennen! Aber es wurde auch mehr und mehr dieser Grundsatz in mir erweckt. Denk an all diejenigen, die nicht laufen können! Und ich dachte an Markus Ohlef‘s Worte am Start. Und ja, auch diese Geschichten sind Teil des Lebens und sollten uns alle antreiben! Ich dachte an einen Menschen den ich persönlich nicht kenne. An einen Menschen, der ein Rädchen im Getriebe dieser ganzen BC ist und auch damit seinen Teil dazu beiträgt, diese Welt zu einer besseren zu machen. Dieser mir unbekannte Mensch konnte 2017 leider nicht vor Ort sein, (zumindest nicht körperlich) weil er sich einer OP unterziehen musste. Bei so manchem Schritt waren meine Gedanken bei ihm und ich hoffe, dass er alles gut überstanden hat und wünsche ihm von Herzen alles Gute!


Auf den letzten 26km wurde gelaufen, wo gelaufen werden konnte. An den VP’s jedoch, gönnte ich mir all das, was ich die letzten Jahre, der Rennerei geschuldet, nie so richtig genießen konnte. Vorne mitzumischen ist toll keine Frage, aber vom Jagdkopf bis zum Brockengipfel habe ich dieses Jahr auch einzigartige Momente eingefangen. Das Bild von Jan & Aschu an VP Lausebuche und als eine ältere Dame von den Streckenposten dort vergeblich unzählige Versuche unternommen hat Kontakt mit Jan aufzunehmen, weil dieser mit seinem Heißgetränk mitten im Weg stand und sie vorbei wollte. Am VP Oderbrück mit Philipp und seiner Mutter inkl. dem besten veganen russischen Zupfkuchen der Welt! All diese lieben Menschen neben und auf der Strecke sind so wunderbar! 


Ich kam im Ziel an - das ist was zählt. Ich bin ihn gegangen diesen Weg, für mich - für diesen einen ganz besonderen Menschen. Für ein paar Menschen geht man weit und für den ein oder anderen eben auch weiter wie nötig, einfach so, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, weil sie einem so unendlich viel bedeuten. Ich war an diesem Tag auf 80 km getaktet, die Uhr blieb letzten Endes bei 85,4 km stehen - jeden verdammten Meter warst Du dabei! 


Aber wie die BCso ist, schreibt sie nicht nur eine Geschichte. Leider weiß ich (bisher) keine Namen, sollten sie mir aber irgendwie zukommen, werde ich sie gerne einfügen. Es gab eine Geschichte im Ziel die mich berührt hat. Dort oben im Goethesaal auf dem Brocken wartete ein toller Mensch auf seinen Liebsten. Er  war auf dem Weg zum Gipfel zeitweise wie vom Erdboden verschluckt. Zuletzt gesehen hat sie ihn mit einer Menge Magenproblemen an VP Barbis und wollte dann im Ziel auf ihn warten. Doch er kam und kam nicht an, selbst anrufen war erfolglos. Erst nach einem Anruf bei der Rennleitung war klar, dass er den letzten VP Oderbrück passiert hat und auf dem Weg Richtung Gipfel ist. Auch davor habe ich großen Respekt, aber ich möchte diesem Läufer auch sagen, melde dich das nächste Mal wenigstens kurz bei deiner Liebsten, denn diese Frau so glaube ich, liebt dich wirklich ganz schön doll, denn sie hat sich unglaublich große Sorgen gemacht! 😉

Und zuletzt Jonas - Rakete!
Nicht nur sportlich, auch menschlich. In solchen Situationen wie der Unseren lernt man Menschen kennen. Und dann merkt man ganz schnell, ob man sich zusammen wieder zurück kämpft oder sich die Wege trennen und jeder für sich weiterzieht. Aber Fußballer sind auch Teamplayer und Werder Fans sind momentan sowieso Leid gewohnt, dies alles sind Parallelen. Auch, dass sich vom ganzen Starterfeld nur zwei Läufer an derselben Stelle verlaufen, zwei Minuten hintereinander…BC halt!
Als jüngster Teilnehmer und mit nicht mal einem offiziellen Marathonlauf in den Knochen das Feld so aufzumischen verdient Anerkennung. Hätte mich interessiert, wo du am Ende ohne unsere Alternativroute gelandet wärst. Aber auch so wird dir deine erste Brocken Challenge für immer in Erinnerung bleiben und du wirst noch oftmals Kraft daraus schöpfen. Das Zielbier holen wir nach, spätestens nächstes Jahr, hoffentlich nicht als Zweitligist, als Läufer oder Supporter, völlig egal!

Und für alle Helfer, Organisatoren, die Veranstalter und die jedes Jahr tollen Massagen von Rado gibt es schon lange keine Worte mehr! Um das alles ausdrücken zu wollen, bräuchte die deutsche Grammatik eine erneute Reform – eine neue Steigerungsstufe! Danke, Danke, Danke!

BC 2018 - Here weg go!

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, einfach und ehrlich! Ich freu mich bald mehr von dir zu lesen.
    Jetzt wo ich den Track sehe, bin ich eigentlich nur noch froh, dass ihr da wieder raus gefunden habt!
    Vielleicht solltest du dir in Zukunft die BC-Strecke lieber doch nicht mehr anschauen... :-)

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    1. Danke Du Liebe! Mal schauen in welche Richtung sich das hier alles entwickelt.
      Und ja, wir wären fast in den See gefallen, aber Hunger und Durst haben und dann doch noch zum VP Jagdkopf getrieben. :)

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  2. Vielen Dank für Deine Geschichte und das ich Dich kennen lernen durfte, für eine Kilometer Begleitung. (268 aus Leipzig)

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    1. Ich danke Dir für Deine Worte und die Begleitung - dein Name wird nachgetragen! ;)

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